Editorial des neu erschienenen Programmhefts 3. Tertial 2026:
Die Präsenz des Bösen in unserer Welt hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Ich meine nicht das Unmoralische, das im bloßen Egoismus liegt. Es ist vielmehr das Böse der oft völlig ziellosen und ungehemmt auftretenden Gewalt. Vor diesem Hintergrund wird es immer schwieriger, die Sinnhaftigkeit der Welt zu behaupten. So stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass die vielen Opfer des Bösen bei einer solchen Behauptung mithören könnten. Sie warten, wenn auch meist unausdrücklich, auf Erlösung von der Sinnlosigkeit, die sie zu überwältigen droht. Zugleich aber sind sie ungeheuer empfindlich gegenüber jedwedem falschen Trost und gegenüber Ideen, die insgeheim dem Selbstschutz der Nicht-Betroffenen dienen. Wer als Angehöriger oder direktes Opfer einer völlig sinnlosen Gewalttat zurückbleibt, der ist nicht nur durch die geschehene Tat verletzt, sondern auch für die Zukunft alarmiert und verletzlicher als zuvor.
Was jetzt nottut, ist kein Versuch zur Wiederherstellung des Vertrauens in eine sinnhafte Welt durch eine besonders überzeugende Erklärung des Bösen. Es geht um einen Balance-Akt zwischen der Vorstellung einer Trotzdem-Sinnhaftigkeit und einem Aushalten des Unerklärlichen. Nur eine solche Balance kann der Erschütterung der Erfahrung des Bösen gleichsam federnd etwas entgegensetzen.
Kürzlich las ich bei dem Theologen Willfried Härle in einem Text aus der Jahrtausendwende, dass der Mensch gewiss nicht dadurch zum Menschen wird, dass er Böses tut, aber dass er nur so Mensch sei, dass er Böses tun kann. Im Werk Rudolf Steiners findet sich noch eine andere, aber vergleichbare Einsicht in dieser Richtung aus dem Jahr 1914: Wenn der Mensch nicht böse werden könnte, so könnte er kein geistiges Wesen sein. Die Eigenschaften, die ihn böse machen können, sind nicht als solche böse, sondern es sind Eigenschaften, deren Missbrauch zum Bösen führt. Sowohl bei Steiner wie auch bei Härle ist der alles entscheidende Punkt die Unterscheidung zwischen der allgemeinen Möglichkeit und der individuellen Wirklichkeit des Bösen.
Sinnstärkung durch die vielfältigen Themen des neuen Tertials und dem für den angekündigten Vortrag über das Böse am 02.12.2026 wünscht Ihnen
Ihr Jörg Ewertowski
| Dr. Jörg Ewertowski
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