Ich erinnere mich an einen Ostergottesdienst vor vielen Jahren in einer Frankfurter evangelischen Kirche, in dem der Pfarrer die Gemeinde zu einem Bekenntnis zur Auferstehung aufforderte: Dreimal hintereinander sollte sie sagen „Er ist wahrhaft auferstanden“. Mir war nicht ganz klar, ob das nun gewissermaßen gewaltsam und geradezu übergriffig war, insofern es gegen die Überzeugung so mancher ging, oder bewusstseinsbildend, insofern man sich eine allzu selbstverständliche österliche Rede einmal in ihrer Schwierigkeit, ja Absurdität klar machen sollte. Keine unserer Erfahrungen macht uns die Auferstehung eines Toten wahrscheinlich, und so ist das „Bekenntnis“ zur Auferstehung Christi der Gemeinde nicht leicht gefallen. Beim ersten Mal spürte man ganz deutlich das Zögern und Zagen. Aber der Ton verwandelte sich, und das dritte Mal erklang der Satz irgendwie mutig, auf jeden Fall kraftvoller als beim ersten Mal, fast wie ein beherztes Ausprobieren.
Tatsächlich ist die Auferstehung wohl das Schwierigste, was uns das Christentum zu denken aufgibt. Die Vorstellung von einem wiederbelebten Leichnam, der sich aus seinem Grab erhebt, gehört ins Gruselkabinett. Darum kann es nicht gehen.
Das Neue Testament beschreibt nirgends, wie die Auferstehung vor sich gegangen sein soll. Wir haben nur das leere Grab und Erscheinungen des Auferstandenen, die uns Rätsel aufgeben: Christus ist zum einen so „leibhaftig“, dass er Fisch essen kann oder auch Thomas auffordert, seine Finger in eine der Wunden zu legen. Zum anderen geht der Auferstandene durch verschlossene Türen, was kein normaler Mensch kann. Er wird von Maria für den Gärtner gehalten und von zwei Jüngern auf dem gemeinsamen Gang nach Emmaus erst erkannt, als er dort vor ihnen das Brot bricht. Paulus, der vor Damaskus von dem Auferstandenen bekehrt wird, hat eine Lichterscheinung, sieht ihn nicht wie andere Menschen, aber hört eine Stimme.
Im Sinne der Aufklärung liegt es bei diesem Textbestand nahe, die Auferstehung nicht als objektive historische Tatsache zu verstehen, sondern als subjektives, persönliches Erlebnis besonders disponierter Menschen, als bestimmte Glaubensposition oder gar Vision. Oder aber man versteht Auferstehung in einem übertragenen Sinne, etwa als eine Befreiung, als eine Versöhnung mit Gott und den Menschen, ein Solidarisch-Werden gegen Tod und Unterdrückung, einen Kampf für das Leben und als Kraft zur Lebenswandlung. Dass mit der Auferstehung Christi in der Geschichte der Menschheit etwas ganz anders wird, gehört vielleicht zu dem gemeinsamen Nenner vieler Auffassungen von ihr. Gleichwohl bleibt hier die alte Frage, die wir uns in den Verwerfungen der Gegenwart besonders skeptisch stellen mögen: Was hat sich denn geändert? Welchen „Effekt“ hat die Auferstehung?
Bei Rudolf Steiner finden wir einen anderen Ansatz, der aber mit all den genannten Auffassungen etwas gemeinsam hat. So behauptet er zwar eine geschichtliche Tatsache, fällt dabei aber nicht in voraufklärerischen Wunderglauben zurück, weil er zwischen dem materiellen Körper und einem immateriellen Geistleib unterscheidet (ähnlich auch Paulus in 1 Kor 15). Allein letzterer gilt ihm als auferstanden, und das ist zwar ein einzigartiges und unwiederholbares Geschehen, aber kein undenkbares Wunder. Steiner beschreibt diesen Leib des Auferstandenen auch als Formleib und prägt für ihn das mysteriöse Wort vom „Phantom“ – er »erscheint«, aber nicht subjektiv, sondern objektiv (7. Vortrag, Von Jesus zu Christus, GA 131). Weil dieser Geistleib im Menschen die Bedingung für die Aufrechterhaltung des Ich-Bewusstseins ist und weil sich der Mensch mit dem »Bild« des auferstandenen Christus-Leibes bekleiden kann, wie Paulus im 1. Korintherbrief schreibt („Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des himmlischen [Menschen, R.E.]”), deshalb ist mit der Auferstehung Christi für den Menschen der drohende Ich-Tod überwunden, der den Reinkarnationsweg zum Erdenende unmöglich gemacht hätte. Wir können also eine Idee davon entwickeln, was sich geändert hat. Und weil es aber durchaus vom Menschen abhängt, was er daraus macht, geht es auch um die persönliche Christus-Beziehung, um das was oft als Glaube bezeichnet wird.
Der Hinweis auf das Phantom und dessen Erneuerung in jenem einzigartigen Vortrag Rudolf Steiners – am besten nimmt man bei der österlichen Lektüre zu diesem 7. auch noch den vorangegangenen Vortrag hinzu – soll hier nicht als Verweis auf die Lösung des Auferstehung-Themas verstanden werden. Ostern ist uns als ein Strauß von Geschichten überliefert. Es ist keine Theorie, sondern eine Handlung. Wir beleben diese Handlung, indem wir sie interpretieren und uns dabei von Interpretationen anderer anregen lassen. Wir dürfen im Nachdenken über sie die Auferstehung beherzt „ausprobieren“. Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Wir müssen das, was wir da denken, schon vor der Instanz unserer Vernunft verantworten können. Gerade dann ist das Gedachte ein Ausdruck unserer Freiheit. Und ist uns die nicht vielleicht auch durch die Auferstehung in ihrer Vieldeutigkeit gegeben? Und passt dazu nicht auch die Unbeweisbarkeit?
Eine gute Osterzeit wünscht Ihnen
Ihre Ruth Ewertowski
| Dr. Ruth Ewertowski
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