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Weltanschauung und Ethik

von Dr. Jörg Ewertowski | 28.06.2026

Rudolf Steiner und Albert Schweitzer 

Kultur wird durch Weltanschauung gebildet und getragen, also durch die Gesamtheit von Wertungen, Vorstellungen und Deutungen der Welt, die sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft und die Natur betreffen. Alle Weltanschauungsformen des Abendlandes unterscheiden sich dabei von den Weltanschauungen des Ostens dadurch, dass sie, bewusst oder nicht, Lebensbejahung und Ethik begründen wollen. Im Osten hingegen ist der Austritt aus dem Kreislauf des Leidens, des Daseins und der Wiedergeburten Thema. Ausschließlich das Abendland habe nach einer philosophischen Erkenntnis der Welt gesucht, deren Weltanschauung kulturstiftend und ethisch wirksam sein kann. Mit diesem Anliegen sei es jedoch gescheitert. – Albert Schweitzer schreibt das in der Vorrede des 2. Teils seines Buches »Kultur und Ethik« 1923. Und er behauptet, dass weniger die Tatsache des Scheiterns einer solchen Erkenntnis des Welt-Ganzen und der Bildung einer daraus hervorgehenden Weltanschauung als vielmehr die Unfähigkeit, sich das Scheitern einzugestehen, das eigentliche Problem sei. So fordert er, dass wir die Begründung der Ethik und die Bejahung des Lebens von der Erkenntnis und der Deutung der Welt unabhängig machen sollen. Und er bekennt, dass er selbst ohne den Sinn der Welt zu verstehen, rein aus »innerer Nötigung« Werte schaffen und Ethik üben will.

Über den Niedergang der Kultur hatten Rudolf Steiner und Albert Schweitzer wenige Jahre vorher einvernehmliche Gespräche geführt. Und nach dem Erscheinen des ersten Teils des zweibändigen Werkes hatte Steiner in einer Rezension noch versucht, die Anthroposophie als die gesuchte Weltanschauung darzustellen. Aber die von Schweitzer nun dargelegte »Lösung«, die explizit die Preisgabe der inhaltlichen Erkenntnis für die gesuchte ethische Weltanschauung fordert, scheint für Steiner doch überraschend gewesen zu sein. Er markierte diese Stelle im Exemplar seines Buches mit zwei Randstrichen, unterstrich einen Satz und kommentierte nach einem Ausrufezeichen: »Man sollte nicht glauben, dass dergleichen hingeschrieben werden kann.«

In einem bemerkenswert positiven öffentlichen Vortrag über die Anthroposophie, kürzlich gehalten von dem Weltanschauungsbeauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Andreas Oelze, wurde Steiners Randbemerkung erwähnt.[1] Interessant ist aber nun, dass Schweitzer nicht nur 1923 die philosophischen Weltanschauungen für gescheitert erklärt hat, sondern zuvor auch das christliche Dogma, also die Inhalte und Lehrsätzen der Theologie. Das war 1906 in seinem Buch in seinem Buch über die Geschichte der Leben Jesu Forschung. Ganz im Gegensatz zu Schweitzer ließ nun Oelze seinen Vortrag in ein für die Gegenwart mutiges Bekenntnis zu den christlichen Dogmen münden. Vor diesem Hintergrund konturiert sich mir das Werk Steiners: Es ist mehr und anderes als Wissenschaft oder Philosophie; es sucht Erkenntnis des Ganzen und stellt sich sogar in den Zusammenhang der »fernöstlichen« Weltanschauungen, den Schweitzer gefordert hatte. Und aus diesem Werk geht Lebensbejahung und Ethik hervor. Es verbindet den alten Gegensatz von Orient und Okzident zu einer menschheitlichen Auffassung von Welt und Geschichte und ist damit heute kulturwirksam. Aber seine Wirksamkeit gründet in Inhalten, die Schweitzer preisgeben, Oelze aber in der Gestalt der christlichen Dogmatik aufrechterhalten will. Es ist Steiners Angebot, das Menschsein vor dem Horizont des Christusereignisses und dem von Reinkarnation und Karma so zu verstehen, dass dieses Verstehen zum Leben wird – und zudem zentrale christliche Dogmen, wie Fleischwerdung, Tod und Auferstehung bestätigt. Dieses Verstehen lässt sich nicht dogmatisieren, nicht in ein System verwandeln. Auch das »Erkennen« sollte kein Dogma werden. Aber das Werk Steiners wird gleichwohl durch seine Inhalte zum Ereignis. 


[1] Der Vortrag »Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Eine Einführung aus evangelischer Perspektive« wurde am 15.6.2026 im Hospitalhof in Stuttgart gehalten.

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